Sind Vanity Plates in der Schweiz eine Lösung oder nur Ablenkung?

Author: Stefan Hotan, 5. Mai 2026 linkedin.com

Der Nationalrat hat knapp Ja gesagt zu personalisierten Kontrollschildern (Blick). 95 zu 91 Stimmen bei vier Enthaltungen, ein knappes Resultat für ein nicht uninteressantes Thema.

Denn bei Kontrollschildern geht es nicht nur um ein Stück Blech am Auto. Es geht um Identität, Föderalismus, Verwaltung, Einnahmen der Kantone und um die Frage, wie weit ein über 100 Jahre altes System modernisiert werden soll

Der Schweiz gehen die Autonummern aus, so titelte der Blick sinngemäss. Das klingt dramatisch. Ganz so einfach ist es aber nicht. Der Druck liegt vor allem bei grossen Kantonen wie Zürich und Bern. Für Zürich ist die Lösung bereits vorbereitet: Das ASTRA hat Weisungen für siebenstellige Kontrollschilder erlassen. Diese sind am 1. Januar 2026 in Kraft getreten. Sobald die Nummern bis 999 999 vergeben sind, müssen Nummern ab 1 000 000 fortlaufend vergeben werden (ASTRA). Damit wurde das eigentliche Kapazitätsproblem bereits technisch gelöst, doch genau hier beginnt die eigentliche Diskussion.

Personalisierte Kontrollschilder, also sogenannte Vanity Plates lösen das Nummernproblem nicht nachhaltig. Selbst wenn der Kanton Zürich beispielsweise 30’000 personalisierte Kontrollschilder zusätzlich zulassen würde, wäre das bei einem jährlichen Bedarf von mehreren Tausend neuen Nummern nur eine geringe zeitliche Verschiebung. Es wäre keine strukturelle Lösung. Vanity Plates sind deshalb weniger eine Antwort auf Nummernknappheit, sondern vielmehr eine Antwort auf ein anderes Bedürfnis - der Individualisierung.

Die spannende Frage lautet also nicht nur: Gehen uns die Nummern aus? Sondern vielmehr, wollen wir das Schweizer Kontrollschild als starres Nummernsystem weiterführen oder öffnen?

Das Schweizer Kontrollschild ist Kulturgut. Links das Schweizer Wappen, rechts das Kantonswappen, dazwischen eine fortlaufende Nummer. Seit 1933 prägt dieses System das Strassenbild. Der ACS beschreibt, dass seit 1933 jeder Kanton eigene Kontrollschilder mit Kantonskürzel und Nummern bis 999’999 abgeben kann (ACS). Gerade diese Schlichtheit macht das Schweizer Schild weltweit erkennbar. Aber Tradition allein ist kein ausreichendes Argument gegen Veränderung. Ein Blick ins Ausland relativiert die Diskussion. In den USA lag der Anteil personalisierter Kontrollschilder gemäss einer älteren AAMVA-Erhebung landesweit bei rund 3,8 %, in Kanada bei rund 2,9 %. Neuseeland liegt heute bei knapp 7 %, New South Wales ebenfalls bei rund 7 %. Victoria in Australien zeigt mit rund 25 % nicht-standardisierten Schildern, dass der Anteil stark steigen kann, allerdings umfasst diese Zahl nicht nur persönliche Wunschtexte, sondern auch Design- und Themenplatten. Für die Schweiz heisst das: Entscheidend wäre nicht nur, ob Vanity Plates erlaubt werden, sondern wie sie ausgestaltet werden. Preis, Begrenzung, Gestaltung, Ausschlussregeln und die Wirkung auf kantonale Auktionsmodelle wären mindestens so wichtig wie die politische Grundsatzfrage.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob ein solches System grundsätzlich möglich ist. Es ist möglich. Die entscheidende Frage ist, ob es zur Schweiz passt und hier wird es interessant. Denn die Schweiz hat bereits einen Markt für besondere Kontrollschilder. Tiefe Nummern, schöne Zahlenfolgen, Schnapszahlen, runde Nummern oder Wiederholungen erzielen hohe Preise. Zürich versteigerte ZH 11 für 262’000 Franken. ZH 24 erzielte 2024 sogar 299’000 Franken. Diese Einnahmen fliessen in die Staatskasse und kommen gemäss Kanton Zürich der Öffentlichkeit zugute (Kanton Zürich).

Auch in anderen kaufkräftigen Kantonen sind Kontrollschilder nicht nur Verwaltungssache, sondern ein kleines Stück Vermögenswert, Statussymbol und kantonaler Einnahmequelle. Im Aargau brachten Kontrollschildauktionen 2023 rund 1,5 Millionen Franken und 2024 rund 1,4 Millionen Franken in die Kantonskasse. Damit stellt sich eine weitere Frage: Was passiert mit diesem Markt, wenn personalisierte Kontrollschilder eingeführt werden? Wird der Wert tiefer und historisch attraktiver Nummern sogar steigen, weil sie weiterhin knapp und authentisch bleiben? Oder verlieren klassische Auktionsnummern an Bedeutung, weil künftig ein Name, ein Wort oder eine Fantasie-Kombination stärker wirkt als eine schöne Zahl? Für Kantone wie Zürich, Zug, Graubünden, Genf oder Aargau ist das nicht nur eine Liebhaberfrage. Es kann eine Einnahmenfrage werden.

Dazu kommt der Faktor Mensch. Will das Schweizer Volk personalisierte Kontrollschilder überhaupt? Oder schätzen viele gerade deshalb unsere Schilder, weil sie nicht laut, nicht verspielt und nicht beliebig sind? Vielleicht liegt die beste Lösung nicht im Entweder-oder. Vielleicht braucht es ein Modell, das drei Dinge sauber trennt:

- Kapazität: Siebenstellige Nummern lösen das technische Problem.
- Kultur: Das Schweizer und kantonale Erscheinungsbild muss erhalten bleiben.
- Individualisierung: Personalisierung darf möglich sein, aber nur mit klaren Regeln, Gebühren, Ausschlusslisten und ohne Kannibalisierung bewährter Auktionsmodelle.

Denn eines sollte man nicht verwechseln: Vanity Plates sind keine Notlösung gegen Nummernknappheit. Sie sind eine bewusste Öffnung eines kulturell gewachsenen Systems. Und genau deshalb sollte die Diskussion nicht mit dem schwachen Argument geführt werden, der Schweiz gingen einfach die Autonummern aus.

Die bessere Frage lautet:
Wie viel Individualisierung verträgt ein Schweizer Kulturgut, ohne seinen Charakter zu verlieren?